Blogwichteln 2016: Lektorat ist nicht gleich Lektorat

Texttreff-Blogwichteln 2016 – Ein Gastbeitrag von Kerstin Fricke

ttbw_buttonLetzte Woche schrieb ich für meine Berliner Netzwerkkollegin Kerstin Fricke einen Blogwichtel-Beitrag über den Wandel der Sprache. Im Gegenzug wurde ich jetzt von ihr beschenkt. Ich freue mich sehr über diesen Gastbeitrag zum Unterschied zwischen belletristischem Lektorat und Übersetzungslektorat. Vielen Dank!


Lektorat ist nicht gleich Lektorat

Das gilt ja schon mal generell, aber im Folgenden möchte ich vor allem auf das Lektorat von Romanen und insbesondere auf die Unterschiede zwischen dem Lektorat eines deutschen Autors und einem Übersetzungslektorat eingehen.

Belletristisches Lektorat

Im ersten Fall übernehme ich meist auch das stilistische Lektorat und achte nicht nur darauf, dass Rechtschreibung, Grammatik und Stil passen, sondern habe auch ein besonderes Augenmerk auf Logikfehler und gebe Tipps zur Story oder zu Elementen, die meiner Ansicht nach fehlen. Das kann manchmal nur eine Kleinigkeit sein, wenn der Autor beispielsweise während der Bearbeitung den Namen eines Protagonisten ändert und Klaus mittendrin plötzlich in einem Absatz immer noch Reinhard heißt, wenn einer der Charaktere in einer Szene ein Hemd trägt, das eben noch grau war, jetzt aber auf einmal schwarz ist, oder wenn die Heldin abwechselnd blaue oder braune Augen hat. Spielt die Geschichte in einer real existierenden Stadt, überprüfe ich nach Möglichkeit auch, ob die Wege, die die Figuren zurücklegen, überhaupt realistisch und in der angegebenen Zeit zu bewältigen sind und ob andere Beschreibungen von Bauwerken oder Plätzen halbwegs passen (ein wenig künstlerische Freiheit ist ja erlaubt, aber die Strecke zwischen München und Berlin ist gegenwärtig nun mal definitiv nicht in einer Stunde zu schaffen). Zudem achte ich auf mögliche Plotlöcher und merke an, wenn sich eine Figur uncharakteristisch verhält oder es bei bestimmten Punkten noch Erklärungsbedarf gibt. Wie viel der Autor von meinen Vorschlägen umsetzt, bleibt natürlich ihm allein überlassen, aber ich habe dann wenigstens mein Möglichstes getan, um den Roman zu verbessern.

Lektorierter Text nach der Bearbeitung

So kann ein lektorierter Text dann nach der Bearbeitung schon mal aussehen …

Übersetzungslektorat

Bei einem Übersetzungslektorat fällt all das im Optimalfall weg, da der Ausgangstext bereits lektoriert sein sollte (was leider nicht immer der Fall ist), aber es kann durchaus vorkommen, dass man auch dann noch einige kleinere Fehler entdeckt, diese in der deutschen Fassung ausmerzt und den Autor darauf hinweist. Vor allem aber mache ich im ersten Durchlauf einen direkten Vergleich zwischen Ursprungs- und Zieltext, um mich u. a. auch zu vergewissern, dass keine Stellen übersehen wurden, und um mögliche Formatierungsanpassungen wie Kursivsetzungen, Einschübe etc. anzupassen. Beim zweiten Durchgang habe ich den englischen Text zwar noch offen, achte aber vor allem auf die Lesbarkeit der deutschen Version, die nicht holprig klingen und auch nicht zu sehr am Original „kleben“ darf, und schaue nur an Stellen, an denen mir etwas merkwürdig vorkommt, noch einmal in die englische Fassung.

Außerdem muss bei einer Übersetzung oftmals einiges lokalisiert, angepasst oder weggelassen werden, da manche Anspielungen, Redewendungen oder Witze schlichtweg nicht übertragbar sind und man dann zusammen mit dem Übersetzer überlegt, wie man solche Stellen am besten umsetzen kann, ohne das Original zu sehr zu verfälschen oder den Leser mit Anmerkungen aus dem Lesefluss zu reißen. Wird beispielsweise aus einem Lied oder einer Fernsehserie zitiert, das bzw. die im deutschsprachigen Raum relativ oder völlig unbekannt ist, gilt es, eine Entsprechung zu finden, mit der etwas Ähnliches ausgesagt wird – ohne dabei allerdings (wie es früher häufig getan wurde) einfach alles gnadenlos einzudeutschen und einen amerikanischen Teenager dann plötzlich Rudi Carrell zitieren zu lassen …

 


Zur Autorin

Kerstin Fricke, Autorin des Gastbeitrags

Kerstin Fricke, Autorin des Gastbeitrags

Kerstin Fricke lebt und arbeitet seit 2009 in Berlin, wo sie Bücher, Comics, Apps und Computer-/Videospiele übersetzt und lektoriert und somit ihre Hobbys zu ihrem Beruf gemacht hat.

Webseite: www.kf-uebersetzungen.de,
Blog: pbcat.blog

 

 

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